TVL steht für Total Value Locked und ist eine Schätzung dafür, wie viel die Assets in den Smart Contracts eines DeFi-Protokolls wert sind, meist in US-Dollar. Die Zahl ist eine Momentaufnahme: ein Bestand, bewertet zu den Tokenpreisen genau dieses Zeitpunkts.
Das Wort „locked“ führt in die Irre. In den meisten Kreditmärkten und Liquiditätspools kannst du deine Einlage abziehen, sobald der Vertrag es zulässt. Eingefroren ist das Geld also nicht, und sicher ist es deswegen auch nicht. Was genau in der Zahl steckt und was fehlt, hängt davon ab, wer sie berechnet. Die Beispiele unten stützen sich überwiegend auf DefiLlama, weil dessen Methodik öffentlich und ziemlich ausführlich dokumentiert ist.
Was misst DeFi-TVL?
Einlagen und Vertragsbestände
Nimm eine dezentrale Börse, bei der Nutzer Token-Paare in einen Liquiditätspool einzahlen, oder einen Kreditmarkt, auf dem sie Coins hinterlegen, die andere gegen Sicherheiten leihen können. Die Token, die diese Verträge halten, sind das Rohmaterial der TVL. Rechnest du ihren Dollarwert zusammen, hast du die Zahl des Protokolls.
DefiLlama definiert das knapp: Für ein Protokoll ist TVL der Wert aller Coins in seinen Smart Contracts (DefiLlama: Data Definitions). Das ist die Methodik eines Anbieters, kein Branchenstandard. Andere Dashboards ziehen die Grenzen anders.
TVL ist ein Bestand, kein Zufluss. Die Zahl sagt dir, wie viel Wert gerade in den Verträgen liegt. Sie sagt nicht, wie viel diese Woche dazugekommen ist, wie viel gehandelt wurde oder ob das Protokoll irgendetwas verdient hat. DefiLlama führt Gebühren, Umsätze, Handelsvolumen und Renditen als eigene Kennzahlen neben der TVL (DefiLlama: All Metrics We Track). Schon das zeigt, dass eine Zahl die anderen nicht ersetzt. Wie Pools und Renditen in der Praxis funktionieren, steht im Guide zu DeFi Yield Farming.
Protokoll-TVL und Chain-TVL
Der Begriff wird auf zwei Ebenen benutzt. Protokoll-TVL gehört zu einer einzelnen Anwendung. Chain-TVL ist bei DefiLlama die Summe der TVL aller Protokolle auf dieser Chain, also nicht der Wert sämtlicher Token, die dort existieren.
Wichtig wird das bei den Ausschlüssen. Natives Staking, etwa ETH, das zur Absicherung von Ethereum gestakt ist, zählt DefiLlama nie zur Chain-TVL. Bridge-TVL wird keiner Chain zugeordnet. Die Begründung: Gestakte native Token würden die DeFi-Aktivität, um die es eigentlich geht, erdrücken, und die Chain-TVL wäre dann kaum mehr als ein Abbild der Marktkapitalisierung des Tokens. Ein anderer Anbieter kann das anders handhaben. Bevor du zwei Chain-Zahlen nebeneinanderlegst, prüf also den Umfang.
Wie wird aus einer Einlage ein Dollarbetrag?
Bestand mal Preis
DefiLlama erfasst TVL über kleine Programme, sogenannte Adapter. Laut Entwicklerdoku liefert ein Adapter die Bestände der in einem Protokoll liegenden Assets zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das SDK rechnet diese Rohbestände anschließend in US-Dollar um und summiert sie (DefiLlama: How to write an SDK adapter).
Jede TVL-Zahl hat damit zwei Zutaten: wie viele Token eingezahlt sind und was ein Token gerade kostet. Ein ausgedachtes Beispiel: Ein Pool hält 10 Einheiten eines Tokens zu je 100 USD, seine TVL liegt bei 1.000 USD. Niemand zahlt ein, niemand zieht ab, aber der Preis fällt auf 80 USD. Jetzt steht die TVL bei 800 USD, ein Minus von 20 %, obwohl keine einzige Einheit den Vertrag verlassen hat.
Umgekehrt funktioniert es genauso. Steigt der Tokenpreis, kann die TVL wachsen, während die Zahl der Einleger gleich bleibt oder sogar sinkt. Welche der beiden Zutaten sich bewegt hat, verrät ein Chart allein nicht. Dafür führt DefiLlama eine eigene Kennzahl, USD Inflows: Sie bewertet die Bestandsänderung von einem Tag zum nächsten mit dem jeweiligen Tokenpreis, sodass reine Preisbewegungen herausfallen (DefiLlama: USD Inflows).
Zeitpunkt, Preise und Abdeckung
Weil TVL eine Momentaufnahme ist, gehört der Zeitpunkt zur Zahl dazu. DefiLlama gibt an, die TVL-Daten stündlich zu aktualisieren (DefiLlama: FAQ). Andere Seiten tun das häufiger oder seltener. Auch die Preisquelle spielt eine Rolle, gerade bei wenig gehandelten Token, für die zwei Preisfeeds durchaus verschiedene Werte liefern können.
Dritte Variable ist die Abdeckung. Ein Protokoll taucht in den Summen eines Anbieters nur auf, wenn jemand Code geschrieben hat, der seine Verträge ausliest, und jeder Adapter legt fest, welche Verträge und Assets zählen. Zwei Dashboards können für dasselbe Protokoll unterschiedliche TVL melden, ohne dass eins davon falsch liegt. Sie messen schlicht leicht verschiedene Dinge.
Wie kann dasselbe Kapital doppelt auftauchen?
Ein Beispiel mit Receipt-Token
Für viele DeFi-Einlagen bekommst du etwas zurück. Ein Kreditmarkt gibt dir unter Umständen einen Receipt-Token, eine Art Quittung, die deine Einlage samt aufgelaufener Zinsen abbildet. Ein Liquiditätspool gibt LP-Token aus, die deinen Anteil am Pool verbriefen. Solche Token lassen sich meist weiterbewegen und anderswo wieder einzahlen. Genau da wird das Zählen knifflig.
Ein ausgedachter Ablauf: Du zahlst Coins im Wert von 1.000 USD in Kreditmarkt A ein und erhältst dafür Receipt-Token im Wert von 1.000 USD. Diese Token legst du in Vault B. Markt A meldet 1.000 USD TVL, denn die ursprünglichen Coins liegen weiter in seinen Verträgen. Vault B meldet ebenfalls 1.000 USD, weil er die Receipt-Token hält. Addierst du beide Protokollzahlen, kommst du auf 2.000 USD.
Neues Geld ist dabei nicht entstanden. Der Receipt-Token ist ein Anspruch auf die Einlage in Markt A. Die zusätzlichen 1.000 USD gibt es nur in der Rechnung, weil dasselbe zugrunde liegende Kapital an zwei Stellen steht, wenn man Protokollzahlen ohne Korrektur aufaddiert.
Wie DefiLlama damit umgeht
DefiLlama berücksichtigt das in seinen Gesamtsummen. Werden Receipt- oder LP-Token eines Protokolls in ein anderes eingezahlt, markiert DefiLlama das zweite Protokoll als doppelt gezählt. So fließt dasselbe Kapital nicht zweimal in Chain- und Gesamt-TVL ein (DefiLlama: Data Definitions). Auf der Website gibt es dafür einen Schalter namens „doublecount“, mit dem du solche Positionen ein- oder ausblenden kannst (DefiLlama: FAQ).
Bei Krediten ist es ähnlich. Coins, die aus einem Lending-Protokoll geliehen wurden, zählen nicht zu dessen TVL, unter anderem damit eine Schleife aus Einzahlen, Leihen und erneutem Einzahlen derselben Coins die Zahl nicht aufbläht. Geliehene Beträge erscheinen stattdessen als eigene Kennzahl. Fehlerhaft sind TVL-Zahlen deshalb nicht. Eine Summe ist aber nur so sauber wie ihre Regeln für Überschneidungen, und wer selbst Zahlen aus verschiedenen Quellen addiert, hebelt diese Regeln aus.
Was fehlt in der Kern-TVL?
DefiLlama lässt mehrere Arten von Werten aus der Standard-TVL heraus und zeigt sie als optionale Kategorien (DefiLlama: What to include as TVL):
- Staking: eigene Governance-Token des Protokolls in dessen Staking-Verträgen.
- Pool2: gestakte LP-Token, bei denen eine Seite des Paars der eigene Token des Protokolls ist.
- Borrows: von der Plattform geliehene Mittel.
- Vesting: Token, die noch nicht im Umlauf sind oder noch gar nicht ausgegeben wurden.
- Offers: Mittel, die auf einer nicht-verwahrenden Plattform zur Nutzung freigegeben, aber nie tatsächlich eingezahlt wurden.
Ein Team kann den eigenen Token fast kostenlos erzeugen. Ein Berg davon in den eigenen Verträgen beweist also nicht, dass Kapital von außen dem Protokoll vertraut. Außerdem entfernt DefiLlama nach eigenen Angaben unproduktive oder künstliche Liquidität, etwa Einlagen, die nur dem Abgreifen von Belohnungen oder dem Aufpolieren der Kennzahl dienen.
Das sind DefiLlamas Regeln. Eine Seite, die Governance-Staking mitzählt, zeigt für dasselbe Protokoll eine höhere Zahl. Ohne die zugehörige Methodik ist keine der beiden die „echte“.
Was beweist TVL nicht?
Kein Sicherheits- und kein Rendite-Score
Eine hohe TVL ist kein Audit. Sie sagt nichts Belastbares darüber, ob die Verträge fehlerfrei sind, ob das Protokoll alle Einleger gleichzeitig auszahlen könnte oder ob Abhebungen unter Stress reibungslos laufen würden. Auch Konzentration bleibt unsichtbar. Hinter einer großen Zahl können wenige große Wallets stecken, und DefiLlama weist selbst darauf hin, dass die künstlichen Positionen, die es herausfiltert, oft aus genau so einem kleinen Kreis stammen.
Eine Rendite ist TVL ebenfalls nicht. Ein Protokoll kann viel Wert halten und wenig verdienen oder umgekehrt, deshalb werden Gebühren und Renditen getrennt erfasst. Und eine steigende TVL beweist nicht, dass neue Nutzer gekommen sind. Vielleicht sind nur die eingezahlten Token teurer geworden. Smart-Contract-, Preis-, Liquiditäts- und Datenrisiken bleiben bestehen, egal wie groß die angezeigte Zahl ist.
TVL ist keine Marktkapitalisierung
Die beiden werden oft verglichen, messen aber Verschiedenes. Die Marktkapitalisierung eines Tokens ist sein Umlaufangebot mal Preis. TVL ist der Wert der in ein Protokoll eingezahlten Assets, gezählt nach den Regeln eines Anbieters. Meist besteht die TVL eines Protokolls aus vielen Token, die mit seinem eigenen Token nichts zu tun haben. Wie die Marktkapitalisierung funktioniert, erklärt der Guide zu Marktkapitalisierung, FDV und Tokenomics.
Wo CoinVett ins Bild passt
Dieser Guide erklärt TVL nach der veröffentlichten Methodik von DefiLlama, und die Zahlen in seinen Beispielen sind ausgedacht. Auf CoinVett kann eine TVL-Zahl in der KI-Analyse mancher Coin-Seiten stehen, etwa bei DeFi-Protokollen. Direkt unter der Analyse nennt die Seite ihre Datenquellen und wann sie erstellt wurde. Lies diese Zahl wie jede andere TVL-Angabe: Sie folgt der Methode und dem Stand ihrer Quelle und kann deshalb von der Zahl bei DefiLlama abweichen. Das Umfeld decken andere Lernseiten von CoinVett ab. Die Einführung in DeFi erklärt Kredite, Börsen und Smart Contracts von Grund auf. Der Guide zu Krypto-Kategorien erklärt, was ein DeFi-Label an einem Coin bedeutet: eine Einordnung des Coins, keine Messung von Einlagen.
Bevor du zwei TVL-Zahlen vergleichst, schreib zu jeder drei Dinge dazu: nach wessen Methodik sie entstanden ist, zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Preisen sie bewertet wurde und welche Verträge und Kategorien sie umfasst. Passt das nicht zusammen, sagt der Abstand zwischen den Zahlen womöglich mehr über die Regeln als über die Protokolle.
Hinweis: Alle Zahlen in den Beispielen sind ausgedacht; die Quellen sind im Text verlinkt. Nur zur Information, keine Anlageberatung.
Häufige Fragen
Kann die TVL ohne neue Einlagen steigen?
Ja. TVL ist Tokenbestand mal Tokenpreis. Steigt der Preis bei gleichem Bestand, steigt auch der ausgewiesene Wert. Eine höhere TVL beweist deshalb weder neues Geld noch neue Nutzer.
Zählt DefiLlama dieselben LP-Token doppelt?
Werden Receipt- oder LP-Token eines Protokolls in ein anderes eingezahlt, kann derselbe zugrunde liegende Wert in beiden Protokollzahlen auftauchen. DefiLlama markiert das zweite Protokoll als doppelt gezählt und lässt es standardmäßig aus Chain- und Gesamtsummen heraus. Über den Schalter doublecount lässt sich diese Ansicht ändern. Die einzelnen Protokollzahlen sind dadurch nicht falsch; entscheidend ist, wie sie zusammengerechnet werden.
Ist eine höhere TVL sicherer oder profitabler?
Nein. TVL misst, wie viel Wert zu einem Zeitpunkt in den Verträgen eines Protokolls liegt. Über Vertragsrisiken, die Frage, ob Abhebungen unter Stress funktionieren, die Einnahmen des Protokolls oder die Richtung eines Tokenpreises sagt sie nichts Belastbares.